| Kolumne 06
Zeigt, dass ihr lebendig seid!
Christoph Drösser
Redakteur im Ressort Wissen
DIE ZEIT
MNU Zeitschrift 5/2008
Im Jahr der Mathematik erfahren wir, dass überall
im Alltag Mathematik steckt, dass sie ein „Motor
der Wirtschaft“ ist und zu den Schlüsselqualifikationen
in vielen Berufen gehört. Aber viel zu selten erfahren
wir aus den Medien, dass Mathematik kein fertiger Werkzeugkasten
ist, sondern eine lebendige Wissenschaft, die täglich
Neues produziert.
Derzeit erlebt der Zeitungsleser, aber auch der Fernsehzuschauer
und Radiohörer, einen regelrechten Mathe-Overkill:
Etwa 150 Zeitungsartikel pro Woche beschäftigen
sich mit Mathematik. Man kann rätseln und puzzeln,
erfährt viel über die Geschichte des Fachs
und über die vielfältigen Anwendungen. Wer
jetzt noch nicht mitbekommen hat, dass in seinem MP3-Player
komplexe Mathematik steckt, der hat im vergangenen halben
Jahr nicht Zeitung gelesen. Dank der fleißigen
Medienarbeit der Organisatoren hat das Jahr der Mathematik
schon in den ersten Wochen mehr öffentliche Resonanz
gefunden seine Vorgänger übers ganze Jahr.
Dieses Bild ist erfreulich, aber es verdeckt nur einen
bedauerlichen langfristigen Trend: Ich habe mir einmal
die Zahl der Veröffentlichungen in den wichtigsten
deutschen Zeitungen und Zeitschriften zwischen 1998
und 2007 angesehen – und da hat sich die Berichterstattung
über Mathematik glatt halbiert. Die Disziplin hat
es schwer in der Öffentlichkeit, offenbar immer
schwerer. Woran liegt das?
Ich bin selber diplomierter Mathematiker und arbeite
in der Wissenschaftsredaktion einer Wochenzeitung, die
ein gebildetes und wissenschaftlich interessiertes Publikum
hat. Trotzdem wird auch bei uns nicht kontinuierlich
über Mathematik geschrieben. Hier ein paar Beispiele,
wie in den vergangenen Jahren Mathematik den Weg ins
Blatt gefunden hat:
1. Eine amerikanische Kolumnistin veröffentlicht
die (korrekte) Lösung für das „Ziegenproblem“
(die richtige Wahl bei einer Fernseh-Gameshow) und wird
daraufhin sogar von Mathematikprofessoren verspottet.
Offenbar ist Wahrscheinlichkeit auch für Profis
manchmal kontraintuitiv.
2. Andrew Wiles löst ein Problem, an dem die Mathematiker
seit Jahrhunderten geknobelt haben, und beweist Fermats
letzten Satz.
3. Ein verschrobener russischer Mathematiker, Grigori
Perelman, beweist die Poincarésche Vermutung,
nimmt aber die Fieldsmedaille nicht an, die ihm dafür
verliehen werden soll. Er sagt sich von der mathematischen
Gemeinde los und verweigert sich konsequent den Medien.
Beispiel 1 ist eine nette Anwendung von eigentlich trivialer
Mathematik auf eine konkrete Lebenssituation. Die kann
jeder Leser zu Hause nachvollziehen – oder eben
nicht. Eine Flut von Leserbriefen ist die Folge.
Beispiel 2 ist ein Glücksfall für den Journalisten:
Hier haben Generationen von Mathematikern an einem Problem
geknobelt, das in einer Zeile für jeden Leser verständlich
zu formulieren ist und in dem trotzdem hochkomplex Theorie
steckt. Daraus kann man schöne Artikel, Bücher
und sogar Fernsehfilme machen.
Beispiel 3 hat auch Furore in den Medien gemacht, aber
es bezieht seine Faszination nicht aus dem mathematischen
Problem und seiner Lösung, die dem Leser schwer
zu vermitteln sind, sondern aus der Person des Protagonisten.
Es bestätigt gängige Vorurteile („Genie
und Wahnsinn!“). Beim Mathematikerkongress in
Madrid 2006, wo Perelman für Schlagzeilen sorgte,
waren viele Mathematiker ein wenig vergrätzt –
warum wird nicht über ihre bedeutenden Resultate
geschrieben? Nur weil sie sich regelmäßig
die Haare schneiden lassen und auch sonst ein eher unauffälliges
Leben führen?
Auch andere Wissenschaften sind hochkompliziert, aber
sie finden leichter ihren Weg in die Gazetten. Die Stammzellenforschung
verstehen nur wenige Experten, aber über jede neue
Entwicklung wird in den Medien geschrieben, oft auch
kompetent. Sicherlich, sie hat vielleicht medizinische
Anwendungen, über die sich ein Bezug zum Alltag
herstellen lässt. Aber das ist nicht der einzige
Grund, warum dort die Kommunikation besser funktioniert.
Die Zeiten, in denen es die Aufgabe von Journalisten
war, die hochkomplizierten Ergebnisse der Wissenschaft
für die Öffentlichkeit zu „übersetzen“,
sind längst vorbei. Damit wären insbesondere
die Ein-Personen-Wissenschaftsredaktionen von regionalen
Zeitungen hoffnungslos überfordert. Wissenschaft,
die an die Öffentlichkeit will, muss ihre Ergebnisse
bereits in aufbereiteter Form liefern. Das leisten zum
Beispiel die Zeitschrifen „Science“ und
„Nature“, die nicht nur Originalarbeiten
aus unterschiedlichen Disziplinen abdrucken (und ihnen
damit das Prädikat „wichtig!“ verleihen),
sondern sie auch in ihrem redaktionellen Teil verständlich
erläutern.
Aber Mathematiker veröffentlichen nicht in diesen
Blättern, sondern in ihren eigenen Fachorganen.
Sie schreiben meist für Ihresgleichen. Während
aus anderen Forschungszweigen täglich aktuelle
Meldungen nach draußen dringen, herrscht über
die Mathematik das irrige Urteil vor, dass sie irgendwie
„fertig“ sei, ein abgeschlossener Kanon
von Sätzen und Verfahren, aus dem sich die anderen
Wissenschaften bedienen. Womit sich die Mathematiker
jeden Tag beschäftigen? Keine Ahnung, wahrscheinlich
mit irrelevanten Spitzfindigkeiten.
Wenn ich also einen Wunsch frei habe im Jahr der Mathematik,
dann wäre es dieser: dass wir nicht nur erfahren,
wie viel von ihr in unserem Alltag steckt, sondern dass
deutlich wird, dass sie eine lebendige Wissenschaft
ist wie andere auch, die täglich neue Theorien
und Algorithmen entdeckt und erfindet. Auch nach 2008!
Christoph Drösser
Redakteur im Ressort Wissen
DIE ZEIT
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