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Begeisterung durch Anwendungen und Algorithmen

Prof. Dr. Ulrich Trottenberg
Fraunhofer-Institut für Algorithmen und Wissenschaftliches Rechnen SCAI
MNU Zeitschrift 4/2008


Von den ca. 150 Studierenden meiner Vorlesung „Numerische Mathematik I“ sind rund 30 Lehramtskandidaten, und immer häufiger kommen Lehramtskandidaten zu mir, um eine Staatsexamensprüfung in „Numerik“ oder in „Gewöhnliche Differentialgleichungen“ abzulegen. Das gibt mir die Zuversicht, dass sich mittelfristig – durch eine Reform der Lehrerausbildung – der Mathematikunterricht an den höheren Schulen verändern wird.

Die angewandte Seite der Mathematik führt derzeit an den höheren Schulen ein Schattendasein. Sie hat sich durch die Existenz des Computers und die Möglichkeiten, die er bietet, fundamental verändert: Durch numerische Simulation und Optimierung sind heute alle technischen Entwicklungen bestimmt, alle natur- und ingenieurwissenschaftlichen – zunehmend auch wirtschafts- und gesellschaftswissenschaftliche – Erkenntnisse sind Gegenstand mathematischer Modellierung. Jedes Gerät, jeder Prozess wird mathematisch entworfen und optimiert, auf Grund mathematischer Modelle und Algorithmen sind wir in der Lage, das Wetter der nächsten Tage mit sehr großer Wahrscheinlichkeit vorherzusagen, ohne mathematische Modellierung hätten wir keine quantitative Einsicht in die drohende Klimaveränderung. Mathematik ist für uns im täglichen Leben – Handy, Internet MP3, Navigationssystem, Kreditkarte – selbstverständlich geworden. Die Rechner sind heute 10.000 mal schneller als vor 20 Jahren und die Algorithmen nochmals 20.000 mal schneller.

Von alledem – behaupte ich jetzt einmal provokativ – ist in der Schulwirklichkeit so gut wie nichts angekommen. Sicher haben die meisten Schüler einen Rechner zu Hause, mit Internetanschluss, und sie benutzen ihn zum Spielen, zum Chatten, zum Schreiben und zum Surfen – nur nicht für die Mathematik, die der Rechner eigentlich repräsentiert. Algorithmisches Denken (d.h. die Formulierung mathematischer Inhalte, Lösungsideen und Prozesse, so dass der Rechner damit umgehen kann) findet keinen Platz in der Schule und schlägt sich auch in den Lehrplänen und Schulbüchern nicht nieder.

Wenn ich jetzt empfehle oder gar fordere, dass algorithmisches Denken und die Verbindung von Mathematik und Computer in den Schulalltag integriert werden sollte – dann muss ich mit der Furcht der Lehrer vor Überforderung und der Ablehnung von „Fremdbestimmung“ rechnen.

Aus Sicht der Angewandten Mathematik bieten jedoch gerade diese Veränderungen ein enormes Potential zur Neugestaltung. Viel Ballast könnte über Bord geworfen werden, neue Schwerpunkte könnten gesetzt werden. Mit algorithmischem Denken (und einfachen Programmiersprachen) im Schulalltag besteht die Chance, dass die Schüler verstehen, wofür Mathematik gut ist, dass sie die Mathematik in der technisch geprägten Realität entdecken und auf dem Rechner erleben.


Prof. Dr. Ulrich Trottenberg
Fraunhofer-Institut für Algorithmen und Wissenschaftliches Rechnen SCAI

 
 
Prof. Dr. Ulrich Trottenberg
Fraunhofer-Institut für Algorithmen und Wissenschaftliches Rechnen SCAI
 
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